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LULLABIES FOR HUSBANDS

LULLABIES FOR HUSBANDS
Interpret: LOO, KIRILE
Titel: LULLABIES FOR HUSBANDS
Artikelnr: 91062
Format: CD
Genre: Weltmusik
Label: Erdenklang

Preis: EUR 12,50 inkl. gesetzl. MwSt.
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TRACKLISTE
1) 
GOD KNOWS [JUMMAL TIID] (LOO / KIKAS) 8:28
2) 
HEALING SPELL [HAIGUSTE SõNAD] (LOO, KIRILE) 6:04
3) 
SWING SONG [KIIGELAUL] (LOO, KIRILE) 2:58
4) 
LET'S FIND SHELTER [HEIDAME ??MAJALE] (LOO, KIRILE) 4:08
5) 
I DO NOT PLEASE MEN (LOO, KIRILE) 5:15
6) 
DEAR MAIDS, YOUNG ONES [NEIOKõSõ, NOOREKõSõ] (LOO, KIRILE) 2:52
7) 
WHEN SHALL WE GET TOGETHER (LOO, KIRILE) 5:40
8) 
TO MY SLANDERER [LAIMAJALE] (LOO, KIRILE) 3:48
9) 
ALONE (LOO / KIKAS) 6:40
10) 
POWER OF SONG [LAULU VõIM] (LOO, KIRILE) 3:27
11) 
SLEEP-BOYS [UNESULASED] (LOO, KIRILE) 4:16
12) 
RUNIC BLUES (LOO / KIKAS) 5:29
13) 
LULLABY (KIKAS, TIIT) 1:30
Total time 60:39

Die vorliegende CD präsentiert estnische Volkslieder, deren Darbietung stark von der Persönlichkeit der estnischen Sängerin KIRILE LOO geprägt ist. Der Ursprung dieser Lieder könnte Jahrtausende zurückliegen. Diese ältesten primitiven Melodien stammen von den sprachverwandten Lappen und Samen ab und werden "Joiks" genannt. Sie umfassen jeweils nur einige Noten und Wörter. Im Laufe der Zeit entwickelte sich diese Grundform weiter zu einer Art "Runen-Blues", wie Kirile es nennt.

Beschwörungen und Zaubersprüche haben ihre Wurzeln im archaischen Liedgut. In früheren Zeiten glaubte jeder an die ihm innewohnenden magischen Kräfte, und wer ein größeres Maß von ihnen besaß, wurde für eine Hexe, einen Zauberer oder Schamanen gehalten. Diese "Weisen" waren zumeist ältere Menschen mit großer Erfahrung, was die Wirkung der von ihnen angewandten Zaubersprüche betraf. Zaubersprüche wurden überall, vor allem aber in der Heilung von Krankheiten eingesetzt.

KIRILE LOO, "die Runenhexe", wie sie sich selbst zuweilen betitelt, hat viele Jahre in den Wäldern Nordestlands bei ihrer Großmutter zugebracht. Ohne Strom, Telefon und Medien hat sie sich dort ihre fünf Sinne außergewöhnlich sensibilisieren können. Die den sog. Hexen zugeschriebenen metaphysischen Fähigkeiten bezeichnet sie als natürliche weibliche Kräfte, die von den Frauen nur sensibilisiert werden müssten. Der Titel "Lullabies For Husbands" läßt der Phantasie in diesem Zusammenhang durchaus freien Lauf. Ihr bodenständiger und zugleich mystischer Gesang vermittelt uns zweifelsohne besondere Vibrationen.

Kirile hat in der Hauptstadt Estlands, in Tallinn, Musik, Gesang und die Geschichte ihrer Volksmusik studiert. Jazz, Blues und Country stehen aber ebenfalls auf ihrer Repertoireliste. Der estnische Geiger und Komponist Tiit Kikas legt mit seinen zeitgemäßen Arrangements sicher ein außergewöhnliches Werk der noch jungen Worldbeat-Szene Estlands vor. Vergleiche mit Björk oder Mari Boine sind verständlich, aber zugleich überflüssig.

Kirile Loo und die altestnischen Runenlieder
Zusatz -Informationen zu "Lullabies For Husbands" (Erdenklang 91062)

Die estnischen Volkslieder unterteilen sich in Runenlieder (estnisch "regilaulud") und gereimte Lieder. Während die erstgenannten der alten ostseefinnischen Musikkultur entstammen, spiegeln letztere einen gesamteuropäischen Musikstil vergleichsweise später Epoche wieder. "Saatus-Fate" und Kirile Loos neueste CD, "Lullabies for Husbands", basieren auf ersteren.

Runenlieder repräsentieren die älteste und originärste Schicht estnischer Volksmusik. Ihre Wiege findet sich vor dem Beginn unserer Zeitrechnung bei den ostseefinnischen Völkern um den finnischen Meerbusen. Ihnen liegt ein achtfüßiges Versmaß mit quantitierendem Metrum zugrunde. Im Vortrag kann diese Grundform, je nach Silbenzahl des Textes, in Verbindung mit
musikalschen Modifikationen in einem freieren rezitierenden Metrum
realisiert werden. Zu den charakteristischen Merkmalen der Runenverse gehören die Alliteration, Parallelismus sowie ein metaphernreicher lyrischer Sprachgebrauch mit häufigen Wiederholungen. Die Metaphern dienen nicht nur der poetischen Ausmalung; sie gründen zudem in alten mythologischen Vorstellungen und Bildern. So, zum Beispiel, die Lieder #1, #3, #6 und #11 auf "Lullabies for Husbands".

Obwohl die Worte wohl den wichtigsten Bestandteil der Runenlieder ausmachen, sind die Runen-Melodien von ebenso großem ästhetischen Interesse. Ihre ursprünglichen Tonarten mit offenen Intervallen, spezifischem Rhythmus, phantasievollen Variationen und der "magischen Wiederholung" der Hauptmelodie wurden von estnischen Komponisten wie Eduard Tubin und Veljo
Tormis aufgegriffen. In lebendiger Musiktradition stehen Runenlieder
heutzutage lediglich auf der Insel Kihnu und bei den Setu im Südosten Estlands.

Die älteste Form der Runenverse findet sich in den einreihigen Melodien in Nord-Estland. Eigener Rhythmus und besondere Melodieführung sind charakteristisch für die Schaukellieder (#3).

Die Volkslieder der Setu sind ein Phänomen für sich. Die Mundart der Setu gehört zum Südestnischen, wo die direkte Nachbarschaft mit dem Lettischen auch Gemeinsamkeiten in der Tradition der Volksdichtung hervorgebracht hat.
So finden sich in ihren Liedern zwar die wesentlichsten Merkmale der Runenlieder wieder, doch zeichnen sie sich durch eine Reihe eigenständiger Merkmale aus. So wird der achtsilbige Runenversmaß von vielen zusätzlichen Wörtern und Silben, von Wortwiederholungen, Refrains usw. unterbrochen. Die Polyphonie und der spezifische Rhythmus der Setu-Musik finden jedoch in
Estland nicht Ihresgleichen und können weder bei den angrenzenden Russen noch bei den entfernter lebenden Letten gefunden werden. Die außergewöhnlich reiche und vielfältige Liedertradition der Setu zeigt sich in den Titeln #1 und #6.

1. Wortherkunft
Die Übersetzung des estn. "regilaul" mit "Runenlied" ist im (national-) romantischen Sprachgebrauch spätestens seit Anfang des Jahrhunderts üblich. Neutraler, aber auch umständlicher, ist die Übersetzung als "altes estnisches alliterierendes Volkslied". Eine vorschnelle Gleichsetzung mit der altgermanisch-keltischen Runenschrift, den "Runen", sollte jedoch unbedingt vermieden werden. Für wahrscheinlich halte ich die inhaltliche Bedeutungsverschiebung aus der populärwissen-schaftlichen Beschäftigung mit dem finnischen Volkslied, wo 'runo' allgemein 'Gedicht, Dichtung, Gesang, Lied', zuletzt aber auch 'Rune' bedeutet.

2. Entstehung
Die Entstehung der regilaulud ist umstritten, liegt jedoch wohl im 1. Jt. vor Beginn unserer Zeitrechnung. Die in letzter Zeit herrschende
Forschungsmeinung sieht den Anfang ihrer Entwicklung im Aufeinandertreffen altbaltischer und ostseefinnischer Volkslieder im Raum um den finnischen Meerbusen. Dies würde die klassische Form der regilaulud in Finnland und NordWest-Estland gegenüber den Schwundstufen im Osten und Süden des ostseefinnischen Siedlungsgebietes erklären.

3. Struktur
Während Alliteration und Parallelismus auf die ostseefinnischen Vorgänger der Runenlieder zurückzugehen scheinen, soll die feste achtsilbige, quantitierende Versform, der je zwei Dipoden bildende viefüßige Trochäus, auf baltisches Vorbild zurückgehen. Die angeführte Runenform findet sich auch bei anderen Gattungen der Volksdichtung, wie in Sprichwörtern und Rätseln. Ebenso ist der reiche Gebrauch an Wortwiederholungen, Metaphern und Assonanz typisch. Die Melodien der älteren regilaulud sind einzeilig, die jüngeren zweizeilig.

4. Inhalt und Gesangspraxis
Die Gesangspraxis der Runenlieder ist vielfältig und reicht von einzeln gesungenen Liedern bis hin zu Gruppenliedern mit Vorsänger/n. Besonders vielfältig ist die Typenbildung in Südestland, wo unter baltischem Einfluß die Variationsgröße auch höher ist, z.B. durch Hinzufügung von Refrains. Nach Tedre sind die regilaulud inhaltlich und von der Art des Vortrags her eindeutig Frauenlieder. Männer sind lediglich begehrte, gescholtene, geneckte, betrauerte etc. Randfiguren. (Vielleicht wird jetzt der Titel verständlicher: Schlaflieder für Ehegatten...) Epische Inhalte finden sich selten, lyrische Beschreibungen typischer Frauenschicksale stehen im Vordergrund. (Handlungsrahmen bilden Haus und Hof, Familie, Kosmologie, Religion und Gebräuche) Großen Einfluß auf die regilaulud haben Klagelieder und Beschwörungen gehabt. Mit der statisch bäuerlichen Lebenswelt verschwanden auch die regilaulud zunehmend im 19. Jahrhundert.
(© Ulrike Plath)

(Quelle: Ülo Tedre; Rahvalaulud, in: Ants Viires, Elle Vunder (Hg.); Eesti rahvakultuur, Tallinn 1998, S. 548-558. Igor T?nrist; Laulmine, in: ebd., S.459-461. Beide gehören zu den führenden Forschern der estnischen Volksmusik)
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