125 Jahre Kampf für Freiheit und Unabhängigkeit. Die estnische Geschichte ist tief verwurzelt mit dem Gesang. Seit 125 Jahren ist das kleine Volk im Nordosten Europas wieder und wieder als "Singende Nation" vereint, auch wenn ihm die nationale Unabhängigkeit durch diese Zeit verwehrt blieb. Im 19. Jahrhundert war Estland eine Provinz des russischen Zarenreiches.
Unter diesen Umständen begann in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts die estnische Nation zu erwachen. Dieses Streben fand einen Gipfelpunkt im ersten nationalen Liedfestival 1869 in Tartu. Das war nicht nur eine musikalische Attraktion, sondern hatte ebenso eine kulturell-politische Dimension, in der sich die Ziele künftiger nationaler Aktivitäten abzeichneten. Für die Estländer ist Nationalitätsbewußtsein und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft von Anfang an eng verknüpft mit dem nationalen Chorfestival.
1960 wurde eine einzigartige und imposante Bühne errichtet, die ungefähr 30 000 Sänger und Sängerinnen Platz finden lässt; denn seit langer Zeit kommen zum "All-Estonian Song Festival" wieder und wieder 25.000 bis 30.000 Mitwirkende. Der Aufführungsort des Tallinner Song Festivals wurde zu einem "heiligem Ort", zu dem mind. ein Viertel der eine Million Estländer während des Festivals pilgern.
In den Zeiten der Unterdrückung war die Festivaltradition eng verknüpft mit dem kulturellen Widerstand. Immer wieder versuchten die fremden Machthaber das Songfestival in ihrem Sinne zu beeinflussen. Auf der Basis dieser Festival-Tradition kam es 1988 förmlich zu einer "singenden Revolution" - einer "Revolution durch Gesang".
Auf dem Tallinner "Song Festivals Ground" bekundeten ca. 300 000 Menschen ihren politischen Anspruch und hörten patriotische Lieder. 1994 wurde am selben Orte das 22. "All-Estonian Song Festival" ausgetragen - das erste der wiedererstanden Republik Estland.