DIE BERGPREDIGT
- radical codex -
Ein Film "zur Zeit"
Wie aktuell ist die „Bergpredigt“ in Zeiten weltweiter Glaubenskriege? Was sagen uns die Worte aus der Bibel noch in Zeiten internationaler Bilanzabstürze?
Globale Signale
Die Menschen trauen den Worten der Mächtigen nicht mehr. Jene Mächtigen setzen zynisch Dauererpressung gleich mit Frieden. Zu viel und zu tödlich ist gelogen worden. Es ist permanent notwendig, Signale zu setzen. Diese Signale finden wir sowohl in den mehr als 2000 Jahre alten Appellen der BERGPREDIGT Jesus von Nazareths als auch in allen Leitsätzen anderer Religions- und Gesellschaftsformen.
Es geht um menschliches Zusammenleben, Sinnfragen des Daseins, Gewaltverzicht, Toleranz, Solidarität, Gerechtigkeit, Engagement für Entrechtete und Unterdrückte, Freiheit, Frieden und Liebe, also um alles Ethische, das unsere Gesellschaften zusammenhält. Utopie? Natürlich. Und sogar ein Paradoxon. Denn wir wissen bereits beim Lesen der Bergpredigt, es funktioniert nie!
Eine filmphotographische Interpretation der Krefelder Filmemacherin und Musikerin Ute Mansel erweitert die 1983 veröffentlichte Audioproduktion „Bergpredigt – Oratorium für Musikcomputer und Stimmen“ von Hubert Bognermayr und Harald Zuschrader. Sie zeigt die 1. 2., 4. und 8. Seligpreisung dieses Werkes. Die DVD bietet darüber hinaus den kompletten Audiosoundtrack in Dolby Digital 5.1.
Der Originaltext der Seligpreisungen wird konfrontiert mit Aussagen unserer Zeit, also mit Schlüsselworten, Stereotypien, Klischees, Hilferufen, Klangbildern und auf der DVD jetzt auch mit kurzen Filmsequenzen und Bildkompositionen. Somit werden die Leitsätze dieses klugen Palästinensers mitten in die Versatzstücke unserer gefährlichen und gefährdeten Gegenwart hineingestellt.
Eine Bergpredigt aus dem Klangcomputer
Bei der musikalischen Umsetzung der BERGPREDIGT 1982 hatten die Musiker darüber hinaus mittels der damals revolutionären Sampletechnik nicht nur viele rein akustische Umweltklänge, sondern auch Rhythmik und Klangfarben der menschlichen Stimmen computertechnisch mit einbezogen. Als Basis für diese Wortklangbilder dienten Tonbandinterviews, aufgenommen in Krankenhäusern, Heimen, Jugendzentren und auf den Straßen. Gleichzeitig galt es, die Klangwelt unserer Umgebung, die sog. „Soundscapes“, mittels der Sampling Methode als „ökologische Musik“ in das musikdramaturgische Konzept mit einzubeziehen.
Musikhistorisch gesehen ist der Audiosoundtrack also immer noch ein Meilenstein der sog. „Sampletechnik“, also der mittels Computer möglich gewordenen tonalen und kompositorischen Nutzung aller akustischer Klänge unserer Umwelt. Die Komponisten und elektronischen Pioniere dieses ambitionierten Projektes sind die österreichischen Musiker Hubert Bognermayr und Harald Zuschrader. Die sozialkritischen Begleittexte stammen vom damaligen ORF Kirchenfunkchef Walter Karlberger. Diese immer noch hochbrisanten Texte wurden 1982 im Sog des NATO-Doppelbeschlusses und der Nachrüstungsdebatte von Schauspielern des Burgtheaters und Laien zusammen mit den o.g. Musikern zu diesem unter die Haut gehenden Hör- und Besinnungsszenarium produziert.
(Hubert Bognermayr, Harald Zuschrader, Walter Karlberger, Ulrich Rützel (1983/2010)
DIE ZEIT
Aber ähnlich wie etwa bei Phil Glass' „Satyagraha* legt sich diese Musik um einen wie eine warme Dusche, macht sich die Seele, bequem in einem sanften Klangbett - versteht man aber auch die Ernsthaftigkeit, mit der hier zu einer Überlebensinitiative' gemahnt wird, zu einer Bereitschaft, sich im Sinne der Bergpredigt für eine Existenzchance der natürlichen Welt auch für eine etwas weitere Zukunft zu engagieren.
Heinz Josef Herbort, 24.8.1983
DER SPIEGEL
Herzschlag und Panzerketten, kreischende Babys und scheppernde Mülltonnen, eine klimpernde Registrierkasse und einen quietschenden Wüstenziehbrunnen haben die beiden österreichischen Elektronik-Komponisten Hubert Bognermayr und Harald Zuschrader mit vielerlei reinem Dur und Moll zur Begleitmusik für eine zeitgemäße Version der „Bergpredigt" verquirlt. Ihr „Oratorium für Musikcomputer und Stimmen", technisch brillant gemixt, verbindet Kernsätze aus dem Matthäus-Evangelium mit sämigen Kanzelworten zu einem seelsorgerischen Katalog menschlicher Verhaltensregeln. Die einstündige Platten-Predigt mahnt mit dezentem Rock zur Nächstenliebe.
Klaus Umbach, 29.8.1983
FAZ
Bedrückend wirken die Aufzeichnungen von alten, kranken und geistesgestörten Menschen, deren Gefühle, nutzlos und jeglicher Hoffnung beraubt zu sein, unbeschönigt eingefangen wurden.
(…) sind den beiden Österreichern ungewöhnliche und vielfach auch faszinierende Tonideen geglückt, die das Vorurteil Lügen strafen können, Computermusik klinge immer kalt und herzlos.
Thomas Garms, 25.8.1983
RHEINISCHE POST
Die Autoren haben mit dem Computer komponiert Sprach- und Klangfetzen aus Krankenhäusern, Heimen, Jugendzentren, von der Straße und aus der freien Natur wurden im Computer gespeichert, mit elektronisch konstruierten Klängen gemischt und innerhalb des musikdramaturgischen Konzepts verändert. Frauen-, Männer- und Kinderstimmen sprechen zum Teil zu Computerstimmen, verändern die Texte, dazwischen und darüber liegen die computerakustischen Gebilde, die aus Spracsilben, Wassertropfen, den Geräuschen von Metallplatten oder Pfeilschüssen herrühren können. Aber alles wird durch die Arbeit mit dem Computer verändert und verfremdet. Und das seltsame ist, auf diese Art und ' Weise wirkt es menschlicher und eindringlicher. Die Sprachfetzen aus dem Altersheim sind dadurch bedrückender. Den Kinderstimmen fehlt der Hauch des Kitsches. Komponist Hubert Bognermayr spricht selber die Partien, die mit „unselig" beginnen. Seiner Stimme kann er diabolischen Charakter verleihen, einmal wird sie durch computerakustische Verfremdung in die Nähe von Hitler-Reden gerückt
Das Oratorium aus Linz: ist keine Collage. Die Kunst der Komposition liegt hier in der Veränderung verfügbarer synthetischer wie natürlicher Klänge und Geräusche. Komponieren heißt auch verfremden. Damit wird der Rahmen der Elektronik-Musiker aus dem Pop-Bereich gesprengt, die mit synthetisch hergestellten Klängen herkömmliche Instrumente nachahmen oder Phantasie-Geräusche im Science-Fiction-Bereich ansiedeln. Die elektronische Musik erhält endlich ihre eigene Ästhetik. Sie ist nicht mehr Zufallsprodukt von Bastlern. v
Uwe Witsch, 20.8.1983